Leseprobe

 

Aller Aufstieg ist schwer

Beim Reiten wie auch beim Motorradfahren beginnt alles zunächst einmal mit dem Aufsteigen, einer gar nicht so einfachen Angelegenheit für eine Sozia.

… Gerade bei einem Motorradtreff oder an einer Eisdiele empfiehlt es sich, bei der Menge an zwar gelangweilt aussehenden, aber heimlich enorm interessierten Zuschauern, möglichst elegant auf sein Gefährt zu steigen. Mir war vergönnt, dies jahrzehntelang mit dem Pferd zu üben. Dies sei also eigentlich ohne Probleme auch mit dem Stahlross machbar, dachte ich.

Wäre da nicht das Topcase im Weg! Bei den ersten Versuchen mit dem gewohnten Reiterbeinschwung über die „Kruppe“ (das ist das Hinterteil beim Pferd) zu schwingen, blieb das rechte Bein dann logischerweise am besagten Gepäckkoffer hängen. Wie peinlich! Aha, falsche Technik, ging es mir also durch den Kopf.

Schauen wir doch mal, wie es die anderen Beifahrerinnen machen. Oha! Gar nicht so einfach! Und manche Versuche sahen ebenfalls äußerst mühselig aus. So ein Bild wollte ich auf keinen Fall abgeben. Also wurde vor der heimischen Garage geübt. Dabei ergaben sich mehrere Varianten:

Fall eins als Sozia: Das Topcase, das ist der Metall-, Kunststoff- oder Textilkoffer hinter der Rückbank, ist abgebaut und allenfalls die Sissybar, das ist eine kleine Rückenlehne, montiert. Noch einfacher ist es ohne die Rückenstütze. Hier kannst du den Reiterbeinschwung durchaus durchführen, wenn du auf der linken Fußraste stehst. Wie beim Pferd heißt es auch beim Stahlross: Nach dem Schwung ein sanftes Abgleiten auf den Sattel; das nützt zwar de facto nur dem Rücken eines Pferdes, der Motorradfederung ist es egal. Aber es wirkt auf Zuschauer wesentlich eleganter! Und das zählt!

Fall zwei: Das Topcase beschränkt den Beinschwung als unüberwindbares Hindernis. Nun heißt es für euch Mädels zunächst besser einmal einen Gymnastikkurs zwecks Beweglichkeit belegen! Seid ihr dann einigermaßen trainiert, so stellt ihr das linke Bein auf die Beifahrerfußraste, federt kurz mit dem rechten Standbein ab, bevor ihr euch mit diesem extrem stark, aber trotzdem elegant abdrückt, fasst mit den Armen dabei die kräftigen Schultern eures Ritters, verlagert euer Gewicht bereits über das Motorrad und schwingt dann bei gleichzeitigem extremen Anwinkeln des rechten Beines mit Fußspitze dasselbe durch die Lücke zwischen Fahrerrücken und Topcase! Weiche Landung wie oben. Geübt sieht diese Variante göttlich aus!

Ungeübt kann Folgendes passieren: Ihr rutscht von der Raste ab und landet etwas unbeholfen mit dem Bein auf dem Boden. Nicht so schlimm, falls der Untergrund nicht rutschig ist und ihr noch tiefer abschmiert.

Ungünstig ist auch, wenn ihr euren Partner an den Schultern verfehlt und stattdessen seine Kehle erwischt; wenn euer Gesamtgewicht ihm dann kurzzeitig die Luft abdrückt. Für euch im Prinzip auch nicht schlimm, aber euer Partner ist danach kurz vor dem Explodieren.

Und schließlich könnte noch sein, dass ihr euer Gewicht nicht schnell genug über die Maschine bekommt und ihr damit den Schwerpunkt der Einheit beim Hochschwingen nach links außen zieht. Je nach Körperkraft eures Helden kann dann die Fuhre nach links kippen und ihr liegt beide mit Fahrzeug am Boden. Das wäre ungünstig, weil verschmutzend, massiven Ärger provozierend und äußerst peinlich.

Aber ihr habt ja vorgesorgt und durch häusliches Üben diese Fälle in der Garage ohne Zuschauer bewältigt.

Fall drei: Ihr steigt auf euer eigenes Motorrad auf. ….

(Copyright by Ulla Kugler)

 

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